Hypersensibel, oder doch ne Mimose?

251HEs ist Sonntagvormittag. Ich spaziere in Graz den Hügel vom Café Rosenhain hinunter. Das Wetter ist genau richtig und der Tag lässt sich prima an. Am Abend hab ich Karten für ein Konzert von Daniel Wirtz, einem echt coolen Typen. Tja und dann das:

Ich fühl mich ganz komisch bei dem Gedanken an das Konzert am Abend. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fühle ich mich gestresst. So viele Menschen, die Musik, die Energie, die zu erwarten ist. Ich krieg die Krise. Ich maile einer Freundin, ob sie meine Karte brauchen kann, Fehlanzeige!
Ich überlege: ‚Mann, denke ich, Du kannst doch die Karte nicht verfallen lassen!‘
Ich lass mich breit schlagen, noch mal drüber nachzudenken.

Inzwischen ist es 17:00 Uhr. Mein Herz schlägt schnell – zu schnell. Ich bin total unrund. Ich sage mir:
‚Alter! Sei nicht so ne Mimose! Du weißt doch gar nicht, wie viel Leute kommen! Das wird bestimmt nett.‘ – Nichts hilft. Meine Entscheidung steht. Ich gehe nicht hin.

Als hätte jemand den Stecker gezogen, fällt aller Stress von mir ab. Ich bin wieder ich selbst. Ein Hüpfer in die Badewanne mit Wirtz auf dem i-Pod ist auch prima. Herrlich! Es geht mir danach wieder gut. Ich bin völlig entspannt und genieße den restlichen Sonntag.

Warum ich Dir das erzähle?

Also mal ganz sicher nicht, um mich interessant zu machen oder um auf den Zug „Hypersensibilität“ aufzuspringen. Ist ja inzwischen fast so ein Modewort wie Burnout, oder?! Und als Mann ist man sowieso nicht hypersensibel. Oder vielleicht doch? Bin ich am Ende doch gar keine Mimose, kein Weichei?

Man könnte sich schon wundern: Ich liebe Rockmusik, Punk, Metal. Ja, bei mir da darf es mal richtig scheppern. Wer glaubt in einem Spirituellen Punk Haushalt laufen den ganzen Tag Enya und Loreena McKennit um die Wette, der täuscht sich. Hier wird gerne mal Pantera von Disturbed abgelöst und die Ramones von the Clash oder den Stooges… Naja oder eben von Wirtz…

Aber ich krieg es nicht mehr gebacken, an ein Konzert zu gehen, weil ich es in Menschenmengen einfach nur eine bestimmte Zeit aushalte, bis ich aggressiv werde oder Fluchttendenzen habe. So mussten schon einige Konzerte in letzter Zeit ohne mich stattfinden.

Wenn ich StraBa oder U-Bahn fahre, dann verfalle ich immer in einen meditativen Zustand, der die Welt um mich herum ausblendet – so gut es eben geht. Ich richte meine gesamte Aufmerksamkeit nach innen und atme mich durch die Fahrt bis ans Ziel.

Ich weiss, es tut mir keiner was. (Bei Einssechsundneunzig und grimmiger Miene überlegen sich das eh die meisten zweimal) Darum geht es nicht. Ich fühle mich bedrängt, habe das Gefühl, zuviel Input in zu Wenig Zeit zu bekommen. Es ist wie die Hochdruckbetankung in einem Formel 1-Wagen. Es ist mir schlicht zu viel.

Volle Kneipen? No way! Salsa-Abend am Lendplatz? Lieber erschieß ich mich!

Alles, was zu voll und überlaufen ist, überall da, wo viele Menschen aufeinandertreffen ist für mich echt nix. Nee, ist so. Und soll ich Dir was sagen? Mittlerweile kann ich damit leben. Dann ist es halt so.
Ja, ich bin ein ganzer Kerl. Nein, ich fühl mich wegen meiner Sensibilität nicht schlecht oder minderwertig. Egal, ob sie jetzt hyper ist oder nicht. Is mir egal…

Auch das ist Spiritual Punk, auch das ist Authentizität. Ich steh zu mir. Ich mach kein Hehl draus. Und wenn Du mich fragst, warum ich Dir das erzähle, dann sag ich’s Dir jetzt:

Weil es Menschen – und insbesondere Männer – da draußen gibt, denen es mit Sicherheit genauso geht und die sich deswegen schlecht fühlen. Die zwängen sich lieber irgendwo rein und stehen es irgendwie durch, als dass sie den Mut hätten, zu sich zu stehen, und einfach zu sagen, was sie fühlen. Sie haben Angst, schief angeschaut zu werden, als Weicheier oder Mimosen bezeichnet zu werden. Sie haben Angst, nicht männlich genug zu sein in den Augen der anderen. Letztens las ich einen Artikel, geschrieben von so einem sensiblen Typen wie mir. Der Kollege schrieb aber unter einem Pseudonym, weil er Angst haben muss, in seinem Job nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn jemand das liest. Ja Scheisse! Der arme Mensch!

Jungs! Diese Welt braucht Euch!

Die Damenwelt braucht Euch! Ich bin sicher, von Euch (oder uns!) kommt keiner auf die Idee, Krieg zu spielen, Frauen despektierlich zu behandeln, und andere Dinge zu tun, die irrtümlich als supermännlich gelten, aber dieser Welt nicht wirklich weiterhelfen. Und genau darum schreibe ich diesen Artikel, ich schreib ihn für Dich!
Ich schreib ihn für uns alle da draußen, die wissen, wovon ich rede, die aber auch noch nicht den Mut gefunden haben, offen darüber zu sprechen.

Ich kann nur als Beispiel dienen – mit meinem Namen! Ganz offen. Vielleicht kennst Du ja jemanden, dem es ähnlich geht? Dann zeig ihm doch diesen Artikel, verlinke ihn, teile ihn oder rede einfach auch nur drüber.

In diesem Sinne…
SP Stefan Schriftzug Kopie2

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14 Antworten zu Hypersensibel, oder doch ne Mimose?

  1. aclink67 schreibt:

    Danke für den Beitrag. Obwohl ich eine Frau bin hat er mich angesprochen. Ich persönlich bin es schon seit Jahren leid, was die Menschen von mir erwarten wie ich als Frau zu sein habe und wofür ich mich interessieren soll oder nicht. Ich habe keine Lust darauf, mir ständig darum Gefanken machen zu müssen, ob die Menschen mich den als ” weiblich ” genug sehen oder nicht. Ich habe keine Lust darauf mich nur für das zu interessieren wofür wir Frauen uns halt interessieren sollten. Ich liebe es auch anders zu sein. Mir persönlich tut das gut. Ich fühle mich deswegen trotzdem als Frau.
    Im Grunde empfinde ich schon die Einteilung von Verhaltensweisen und Eigenschaften in männlich und weiblich als ziemlich blockierend dafür uns wirklich frei entwickeln zu können. Ich selbst habe zwei Töchter und einen Sohn. Eine Tochter spielt seit Jahren mit Leidenschaft Fußball und zieht einfach gerne Jungsklamotten an. Sie hat aber noch nie gesagt, dass sie sich deswegen nicht als Mädchen bezeichnen würde. Die zweite Tocher, die ein paar Jahre jünger ist, interessiert sich für Dinge, die für „mädchenhaft“ gehalten werden.
    Das schlimmste was ich gehört habe war, als man mir sagte, jetzt hätte ich ja auch noch ein “richtiges” Mädchen. Was bitte soll den ein ” richtiges” Mädchen sein? Wie verbohrt sind wir eigentlich in unseren Köpfen. Also nur Mut, Mut dafür unsere Bilder von Frau und Mann zu modifizieren, hier einfach weiter werden.

  2. Tristan Rosenkranz schreibt:

    Sch..ß auf alte Rollen! Klar bin ich hochsensibel und klar kenne ich einige dieser männlichen Spezies. Dazu stehe ich aber auch mehr und mehr und weiche energetisch belastenden Situationen aus, so weit es geht…

  3. kilkennyblue schreibt:

    Vielen Dank für deinen Beitrag, mir gehts genauso. Tut gut zu wissen das man(n) nicht alleine ist.

  4. christian schreibt:

    guten Morgen Stefan!

    angeblich sollen ja 15 % jeglicher Spezies empfindlicher oder höher sensibel sein – also warum sollte es nicht auch ein paar Männer drunter geben 🙂

    Es geht mir ähnlich – im Moment meide ich Menschenmassen sowieso – es reicht ja schon in den Supermärkten sich an Kassen einreihen zu müssen – noch dazu wo es da um das verkrampfen belastete Thema Geld geht….

    jedenfalls – es ist nicht so, dass es nur körperliche Aktion gibt – irgendwo las ich mal: im energetischen Bereich gibt es auch sowas wie einen unbewussten Austausch, nenne es Empathie, Spiegelneuronendings was auch immer – jedenfalls ist das ähnlich zu sehen wie in der Themodynamik – wenn du das Fenster auf machst geht es warm raus und kalt rein..

    kannst dir vorstellen was für ein energetisches Geschwurbel es in Konzerten und sonstwo gibt – abgesehen davon ist imoment sowieso recht viel negatvies unterwegs – denk mal synchronizität – sowie flüchtlinge in europa hereingeströmt werden – das wäre als metapher ja so die schatten des kollektiven westlichen handelns fallen zurück… etc

    naja wie auch immer – auch für mich essentiel immer öfter raus aus der zivilisation in die natur – und dazu tuts z.b. auch der plabutsch bzw. auf innere Stimme hören, auch wenn ma glaubt dass es a mimoserl is 🙂

    lg christian

  5. Eleonore schreibt:

    Boah das kenn‘ ich, gesegnet seist du für diesen Artikel (natürlich auf ’ne zwanglose, undogmatische Weise).Vor Jahren noch hab‘ ich mich zu jedem Scheiß hingeschlunzt, obwohl mir mein Gefühlsapparat gesagt hat, ich soll mal die Bremse ziehen. Hab‘ ich mir dann auch in BESTIMMTEN Abständen mal erlaubt, ist aber immer noch mehr Selbstbetrug als Gleichgewichtsarbeit gewesen. „Kannst ja nicht schonwieder absagen“, „Hast doch gesagt dass…“, „Was ist denn los, warst doch gestern schon grumpy…“ – allem voran aber „Reiß dich mal ‚zam.“. Ich wollte mich durchgehend als die starke Kampf(mi)möse sehen, die ich wirklich auch sein konnte, hatte dabei aber einen Punkt übersehen: Die Akkulaufzeit, und die Me-Time in der emotionalen Ladestation, die ich mir einfach mal zugestehen muss, und das nun einmal öfter, als es die Leistungsorientierung vorsieht (die sich auch wie ein roter Faden durch die moderne Freizeitgestaltung zieht; da dürfen wa uns nix vormachen). Als die üblichen Selbstvorwürfe dann überwunden waren, kamen natürlich noch die einprogrammierten Sozialgewissensbisse, um einen weiteren Versuch in Richtung Schuldgefühl zu starten: „Was denken die anderen? Jeden Mist spürst du ungefiltert, wenn du die anderen also enttäuschst, weil du wieder zu dünnhäutig bist, um wegzugehen, dann haste hintenrum deren Groll im Solarplexus. Also gehste.“ – Hat einige Zeit gebraucht, bis ich wirklich frei heraus „Nö, keinen Nerv dafür.“ sagen konnte, anstatt geheuchelte Ausreden zu erfinden, wieso ich lieber wieder alleine dort bleibe, wo der Pfeffer wächst. Das hat im Endeffekt nur dazu geführt, dass man mich irgendwann als gleichgültig, bisweilen sozial gestört missverstanden hat, was so gesehen das genaue Gegenteil vom eigentlichen Grund war: Eine erhöhte Sensibilität.

    Und DANN hat’s nochmal ein bisschen Zeit gebraucht, bis ich verstehen konnte *räusper* wollte, dass Menschen, die immerzu einen Groll (oder dämliche Pathologie-Spekulationen) hegen, nur weil man nicht auf chronische Großveranstaltungen und/oder ständige Erreichbarkeit steht, NICHT die Menschen sind, für die man aus einem fehlorientierten Freundschaftsverständnis heraus gegen seine sensible Gesundheit handeln sollte.

    Ich mache zwar heute immer noch Alien-Geräusche* in Straßenbahnen, Wartezimmern oder Menschentrauben, mir selbst aber kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich „mal wieder“ nicht kann. Mein Freundeskreis „beschränkt“ (oder erweitert, ist Ansichtssache) sich inzwischen auf Menschen, die das akzeptieren statt tolerieren, und ansonsten hab‘ ich endlich eingesehen, dass ein starker Charakter nichts mit emotionaler Zwangskastration zu tun hat – egal, was man zwischen den Beinen hat.

    __________________
    *weil ich zeitlebens unter Hochspannung stehe, was mir schon als Kind die Fähigkeit zum Rülpsen verwehrt und die Luft durch Verkrampfung im Bauch gefangen genommen hat, die sich dann wie ein Knurren die Luftröhre hinaufschleicht. Manchmal öffnen mir die Leute bereitwillig den Kühlschrank, weil sie dann denken, ich hätte ’ne Kreidezeit lang nichts gegessen – TOUCHÉ ❤

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