Spirituelle Arroganz & der Sinn des Lebens

Stefan0915Du kennst das vielleicht. Man sitzt in einer netten Gesprächsrunde unter mehr oder weniger Gleichgesinnten, zwitschert das eine oder andere Gläschen und dann wird es spät. Und je später der Abend, desto tiefsinniger können dann solche Gespräche werden. Schließlich fragt dann einer: „Ja, was iss’n jetzt dann der tiefere Sinn des Lebens?
schon bist Du mittendrin in der Diskussion. Manch einer wirft sich dann in die Brust und wartet mit mega abgefahrenen Erklärungen auf.
Was ich von solchen Erklärungen halte, und warum ich viele davon schlicht für „spirituelles Arroganz“ halte, dazu mehr im heutigen Artikel.

Meine Auffassung

Ich hau’s gleich mal zu Anfang raus, was ich für den sinn des Lebens halte:
Für mich ist der Sinn des Lebens das Leben selbst.
Nicht mehr, nicht weniger.
Kein Gedöns, kein Auftrag, nicht einmal eine Berufung.
Schlicht das Leben selbst zu meistern,
mich selbst zu meistern,
anzunehmen wer und was ich bin und danach zu leben, so gut ich es vermag.

Keine Konzepte, keine Erleuchtung, kein Erwachen, was mir von irgend jemandem attestiert wird.
Kein Heiliger Gral, keine Engel, keine aufgestiegenen Meister können mir den sinn des Lebens schenken. Nur ich kann meinem Leben den Sinn geben, den ich für mich als richtig anerkenne.

Wenn ich erkenne, dass da etwas in mir ist, das sich entwickeln möchte, das erkannt werden möchte und zur Entfaltung gebracht werden möchte, dann hurra! Das finde ich schön und dann, bitte, gib diesem Drängen nach.

Aber was ist mit den Menschen, die diesen Drang nicht verspüren?
Was ist mit Kevin und Chantalle, die mit ihrer 2 1/2 Zimmerwohnung im Plattenbau völlig zufrieden sind? Die zufrieden sind, ihrer Arbeit nachzugehen, den kleinen Norman und die kleine Marie großzuziehen, sich von Tiefkühlpizza ernähren und abends bei RTL2 sich über Frauentausch zu amüsieren. (Du merkst hoffentlich, dass ich hier mit Klischées spiele!)

Hat unsere kleine Modellfamilie den Sinn des Lebens verratzt?

Was ist mit dem Reisbauern in China, der jeden Tag viele Stunden arbeitet, um seine Familie gerade eben mal so durchzubringen auf einem Stück Land, das ihm von der Regierung zugewiesen wurde. Der abends erschöpft auf seine Matratze fällt und gar keine Zeit hat, sich über einen tieferen Sinn seines Lebens Gedanken zu machen, der aber seine Frau und Kinder von Herzen liebt und von ihnen ebenso geliebt wird, und der so zufrieden ist. Was ist mit ihm. Sagt ihm am Ende seines Lebens das Universum: „Mein lieber Freund, das war nix. Setzen, sechs! Das musst Du wohl nochmal machen!“?

Und gehen wir noch einen Schritt weiter:
Was ist mit Nachbars Lumpi, der fröhlich kläffend jeden Morgen über die Wiese tollt und Schmetterlinge jagt.
Was ist mit dem Baum, der jedes Frühjahr neue Knospen treibt, blüht, uns seine reifen Früchte schenkt und im Sommer Schatten spendet?
Ist deren Existenz am ende völlig SINNlos?

Besonders in spirituellen und/oder esoterischen Kreisen steht die Sinnsuche ja ganz oben auf dem Programm. Sie ist der Grund, warum wir viel Zeit und oft auch noch viel mehr Geld investieren, um eben diesem Sinn näher zu kommen. In welche Fallstricke man sich da verheddern kann will ich heute mal außen vor lassen, das kannst Du in meinen anderen Artikeln gerne nachlesen.
Und schlussendlich ist das ja auch jedem sein Ding und wenn’s ihn oder sie glücklich macht…

Spirituelles Ego

Was mir aber gehörig auf die Zwiebel geht, sind Menschen, die die Nase rümpfen über Kevin und Chantalle oder unseren Reisbauern, weil sie doch so offensichtlich keinen Bock auf Entwicklung haben. Da erhebt man sich über seine Mitmenschen, weil man ja dieses oder jenes Seminar schon besucht hat. Man zieht in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen hoch, weil man ja so gar nicht verstehen kann, wie man so oder so oder so leben kann.

Das ist für mich spirituelles Ego oder schlicht Arroganz. Ja, vielleicht sogar Ignoranz.

Wir halten uns für besser, für „größer“ und weiter, weil wir vielleicht schon mal was von Robert Betz gelesen haben, einmal die Woche ins Yoga gehen und im Supermarkt zu den Bioprodukten greifen.
Wir halten uns für quasi erleuchtet, weil wir schon mal auf einem Meditationskissen gesessen haben und bei uns zu Hause ein Aum-Zeichen über der Eingangstüre hängt.
Wir glauben, das Göttliche ließe sich messen, in Fläschchen füllen und um den Hals hängen. Wir glauben, erwacht zu sein, weil wir ein paar CDs gehört haben, auf denen man so um die Ecke gelabert wird, dass man hinten nicht mehr weiss, was vorne war.
Wir glauben, wenn wir nur genug Geld in Workshops und Hilfsmittel investieren, dann sind wir auf dem richtigen Weg, dann müssen wir den Sinn des Lebens ja finden.

Warum, frage ich mich, fallen dann auch die Menschen, die seit Jahren spirituell unterwegs sind, sinnentleert ins Burnout?

Es steht sicher jedem frei, die Lebensentwürfe der anderen für sich zu prüfen und zu erkennen, ob das was ist, was man sich für sich selber eventuell auch vorstellen kann.
Was uns aber nicht zusteht – meiner Meinung nach – ist jemanden zu VERurteilen, weil er oder sie halt nicht „auf dem Weg“ ist, wie wir finden.

Ein berühmtes Sprichwort sagt: Der Weg ist das Ziel.
Ich möchte hier noch einen Schritt weiter gehen. Ich behaupte: DU bist der Weg.
Und zwar Dein eigener. Und nur Du kannst diesen Weg gehen.

Wie spirituell dieser Weg ist, wer mag das beurteilen? Ein erfülltes, glückliches Leben, das nie den Kontakt zu Engeln oder Meistern kannte, aber wohl Freude, die Liebe zu anderen, zur Natur, zu sich selbst. Hat dieses Leben seinen tieferen Sinn verfehlt?
Oder wird uns nur immer brav eingeredet, dass das Leben einen tieferen Sinn hat, damit wir unseren Geldbeutel öffnen um bei Guru A oder Meister B ein Selbsterfahrungsseminar zu machen?

Könnte es am Ende reichen, auf dem Gipfel eines Berges oder am Strand eines Meeres oder auch „nur“ zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und glücklich zu sein, dass man lebt, dass man IST?
Ist das Selbst, das es zu erkennen gibt, möglicherweise völlig zufrieden damit, sich schlicht entfalten zu dürfen und stehen wir ihm mit unseren ganzen Gedanken und Konzepten einfach nur blöd im Weg herum? Ich glaube schon…

In diesem Sinne…

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16 Antworten zu Spirituelle Arroganz & der Sinn des Lebens

  1. Aaaahh, diesmal muss ich was sagen: Danke Stefan!
    Ich lehne mich zurück, setz mich mir dir aufs Sofa, schimpfe kurz über diese m. E. weit verbreitete spirituelle Arroganz und die Pseudo-Esos und die selbsternannten Heiligen und die verantwortungslosen Heilsbringenden (Robert Betz zähle ich auch dazu, wenn er behauptet, in einer Woche könne mensch sein_ihr Leben ändern) – bis ich merke, dass das gar nix besser macht und genauso frucht- und respektlos ist wie deren Abwertung des Lebendigen, in welcher Form das auch daherkommt. Dann schenk ich uns noch ein Glas ein und wir reden darüber, was wir noch tun können, für uns selbst, für andere Wesen, damit es ein bisschen weniger Leid gibt in der großenkleinen Welt.
    So ungefähr sieht mein Bild aus zu deinem wieder mal großartigen, ins Schwazre (oder heilige Weiße;)?) treffenen Artikel:)
    Zu dieser Arroganz zähle ich übrigens auch das Gerede von „höherentwickeltem“ Wasauchimmer und das Denken, Entfaltung (danke für die schöne Benutzung des Wortes!) verliefe in Stufen geradlinig und immer schön nach oben. Hilfe! Als ob das Leben und die Kunst, es zu schaffen, nicht darin läge, zu tun, auf die Nase zu fallen, sich wieder zurechtzuruckeln und weiterzuversuchen. Oder?
    ina machold, entfaltung hat RAUM

    Hier mein bisher einziger Aufreg-Beitrag zum Pseudo-Spiri-Ego: http://konflikte-entfalten.de/8-tipps-fuer-die-kritische-auswahl-von-coaches-beraterinnen-therapeutinnen/

  2. ambriel schreibt:

    Hallo Stefan
    toller Artikel, sehr fluffig geschrieben, sehr wahr ! Auch ich gehöre zu den „ERWACHTEN“… Erwacht über mich selbst :)… welche Verhaltensmuster mir nicht gut tun, welcher Glaubenssstz heute nicht mehr haltbar ist… Wichtig ist, das jeder das für sein Leben tut was er für richtig hält, und den „anders-glücklichen“ in Würde begegnet… in diedem Sinne. Namaste

  3. Wenn es tatsächlich so ist, dass alles eins ist (und ich neige dazu, dies so zu glauben), dann ist alles gleich heilig, gleichwertig, gleichwasauchimmer. Dann gibt es nichts, was über mir steht und mir eine Aufgabe gibt oder mich am Ende meines Lebens maßregelt. Und dann ist das Leben hier auf der Erde (zumindest für mich) eine Abenteuerreise. Ich kann meine Individualität zutiefst genießen und anerkenne den Weg eines jeden anderen (Teils des Ganzen).
    Das allerdings heißt auch, dass ich die Verantwortung für mein Leben niemandem anderen in die Schuhe schieben kann. Und das wiederum nenne ich Freiheit.

    • stefantrumpf schreibt:

      Liebe Tanja,
      besonders in einem Punkt möchte ich Dir Recht geben: Verantwortung für sein Leben zu übernehmen bedeutet Freiheit.
      Das unterschreibe ich, mit Ausrufezeichen!
      Danke! 🙂

  4. Michael Marciniak schreibt:

    Ein sehr treffender Artikel, ich glaube jeder findet seinen Sinn im Leben selbst. Jeden Morgen aufwachen zu dürfen und zu behaupten können dass man zufrieden aufwachen darf, weil man noch sein Dach über den Kopf hat, vielleicht seinem täglichen Brot nachgehen darf, eine mehr oder weniger zufriedene Familie hat, die einem das Gefühl übermittelt das dass Leben noch einen Sinn ergibt. Spiritualität hin oder her auch das ist eine Art Spiritualität, denn schlussendlich nährt sich alles aus einer geistigen Haltung. Nur das jeder eine eigene Sicht des Lebenssinnes oder geistigen Haltung hat.
    Für mich nur eine Frage der Akzeptanz und Toleranz.

  5. Le Ben schreibt:

    Zu deinem Satz :
    „Was uns aber nicht zusteht – meiner Meinung nach – ist jemanden zu VERurteilen, weil er oder sie halt nicht “auf dem Weg” ist, wie wir finden.“
    Diese Aussage ist richtig.
    Aber wenn dir die „Suchenden“ , die ihr Glück, ihren Lebenssinn im äußeren suchen (weil sie es nicht besser wissen oder können) auf die Zwiebel gehen und du sie als Arrogant einstufst, hast du dann nicht auch ein Urteil gefällt (VERurteilt)? Ist das dann nicht auch Arroganz?

    • stefantrumpf schreibt:

      Ich verurteile niemanden, weil er sein Leben lebt, wie er es tut, auch nicht, wenn er oder sie sein Glück im Aussen sucht.
      Was ich blöd finde, ist, dass manche Menschen sich über andere erheben, weil sie sich für spirituell halten und anderen absprechen, ein sinnerfülltes Leben zu führen, bloss, weil diese eben nach deren Meinung nicht auf dem spirituellen Weg sind…
      Natürlich ist das eine Wertung, damit hast Du Recht. Dazu stehe ich aber auch 🙂

  6. Dana Einhorn schreibt:

    Ein sehr schöner Beitrag .Möchte dem noch hinzufügen ,für mich zählt und das ist eine Lebensaufgabe .Sei der du bist ,nicht mehr ,nicht weniger ,aber der sei.Herzliche Grüße ….:-)

  7. Verena Pepper schreibt:

    danke dafür das du schriftlich das in worte fassen kannst, worüber ich nur reden kann. meine Gedanken sind für meine finger zu schnell. und natürlich sind wir auch mensch um uns über manche dinge aufzuregen. aber es ist wichtig diese dinge mal zu sagen und davon zu lesen.

    • stefantrumpf schreibt:

      Liebe Verena,
      ich kenn das. Meine Gedanken sind auch stets bemüht, meine Finger zu überholen. 🙂
      Aber ich hab zum glück gelernt, sie zu disziplinieren *hahaha*
      Gelegentlich aber geht es natürlich auch mal mit mir durch…
      Danke für Deinen wertschätzenden Kommentar!
      Herzliche Grüße,
      Stefan

  8. Tristan Rosenkranz schreibt:

    Finde ich sehr gut, weil das aus meiner Sicht Reifste menschlicher Entwicklung ist, nicht zu werten. Und die Dinge als etwas verborgen Gesamtes begreift.

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