Freude unerwünscht!

Myphone 354Heute wird’s hier sicher kurz und knackig. Und vermutlich wird es auch polarisieren, was ich schreibe, aber ok, so soll es sein. Ich hatte ja gewarnt, Zuckergussesoterik gibt’s woanders.

Ich schreibe aus aktuelem Anlass. Und was könnte gerade noch aktueller sein, als die soeben zu Ende gegangene Fussball-WM?

Man mag von Fussball halten, was man will und auch ich zähle mich nicht zu den Hardcore Fans, aber ich gebe zu, ich habe sie mir auch angeschaut, diese WM; habe mitgezittert, mitgefiebert und ja, ich habe mich riesig über den Titel der DFB-Auswahl gefreut. Und warum? Nicht, weil ich ein Experte wäre und über Spielkultur, Taktik etc. allzuviel wüsste. Mir sind auch die Konzepte scheißegal, nach denen das Team angeblich gewonnen hat. Ich hab mich gefreut, weil so viel Lebendigkeit drin war, weil die Freude der Spieler und Fans einfach ansteckend war, die Euphorie der Menschen. Es hatte für mich auch einen völkerverbindenden Charakter. Wenn ich gesehen habe, wie sich Spieler verschiedener Nationen, die sich aber aus der heimischen Liga kennen umarmt haben, dann hat mich das berührt und ich fand es schön. Und ich fand es schön, in den Nachrichten auch einmal Bilder der Freude und des Glücks zu sehen und eben nicht nur Tod, und Gemetzel.

Aber! (Eh klar, dass jetzt ein Aber kommen muss) Ich hab natürlich die Rechnung ohne die spirituellen Moralapostel gemacht. Da wurde der Zeigefinger nicht nur erhoben, nee, er wurde noch aufgedoppelt und mit Blaulicht versehen, dass er einem auch ja nicht entgehen konnte. Wie man sich über Fussballergebnisse freuen könne, wo es im Gaza-Streifen Bomben hagelt und Menschen sterben, wurde da gefragt. Wie man dem Konsum fröhnen und die FIFA unterstützen könne, indem man sich die Spiele anschaut. Die WM wurde als Instrument des Bösen stigmatisiert, das dazu benutzt wird, um die Massen von der düsteren Realität abzulenken.

Kinder, mal ganz ehrlich: Jeder, der Zeitung liest oder Nachrichten schaut, weiß, dass die FIFA ein korrupter Haufen ist, und dass in einer gerechten Welt Sepp Blatter schon lange im Gefängnis sässe – zusammen mit Berlusconi und anderen Regierungsschefs dieser Erde, mit Sportfunktionären und noch vielen anderen, für die hier kein Platz sein soll.

Leider aber, ist diese Welt (noch) nicht gerecht.

Und die, die alle schreien und wettern, was die WM alles schlimmes anrichtet und dass man sowas boykottieren müsse, sind es auch nicht. Die sind maximal SELBSTgerecht.

Wer nichts zu einer besseren Welt beiträgt, außer zu motzen, der halte doch wirklich lieber den Rand! Ich kann das scheinheilige Getue wirklich kaum noch ertragen.

Menschen werden auf Facebook und in anderen Medien angegriffen und beschimpft, weil sie ihrer Freude Ausdruck verleihen, einem wunderbaren Gefühl, der Leichtigkeit und des Glücks. Diese wurde hervorgerufen, durch andere Menschen, die Teamgeist beweisen, die es schaffen, durch ihr Spiel zu begeistern und Menschen zusammen zu bringen; die es schaffen, Grenzen zu überwinden, die ihren Traum leben und anderen damit Freude bereiten.

Was haben wir denn heute schon getan, anderen Menschen eine Freude zu bereiten? Was haben wir heute getan, damit der Krieg im Gaza-Streifen aufhört? Darf ich daran erinnern, dass wir die Politiker wählen, die solche Kriege erst möglich machen? Gut, ich nicht, ich boykottiere jede Wahl, aber ob das die richtige Lösung ist, weiß ich immer noch nicht.

Wer von den ganzen Marktschreiern und Pseudoweltverbesserern hört auf, Geburtstag zu feiern oder gewöhnt sich gutes Essen ab, weil in Afrika noch immer täglich zig Kinder verhungern? Wer von ihnen hört auf, Spass am Sex zu haben, wo doch immer noch der HI-Virus viele Menschen dahinrafft? Wer von ihnen kritisiert die WM, schaut aber begeistert die Olympischen Spiele, weil die ja völkerverbindend und ein Beispiel für ein friedliches Miteinander sind?

„Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ – hat mal ein berühmter Lehrer gesagt. Und man sollte ja erwarten können, dass Menschen, die sich als spirituell bezeichnen ein solches Motto kennen und einhalten. Pustekuchen! Oft habe ich das Gefühl, die spirituelle Szene treibt genauso schlimme Blüten wie manche Religionen, von denen sie sich ja abheben möchte.

Wieviele FanatikerInnen und InquisitorInnen sich da erheben und sich das Maul über andere zerreißen, weil sie nicht die ungeschriebenen Gesetze einiger Leute befolgen, sondern sich doch tatsächlich erlauben, anders zu sein, ihren eigenen Weg zu gehen ist beachtlich und erschreckend. Diese scheinheiligen Heuchler.

Für mich bedeutet Spiritualität Freiheit! Freiheit im Glauben, Freiheit in den Erfahrungen, Freiheit, meinen eigenen Weg zu finden und mich dabei gleich mit, Freiheit, mich zu entfalten, Freiheit, den anderen zu akzeptieren, weil ich das gleiche mir auch von ihm wünsche, das ist für mich Spiritualität.

Ich möchte mich freuen dürfen, wenn Menschen sich freudestrahlend in den Armen liegen, ganz gleich, was der Anlass ist. Wo sind die Resonanzler, die immer predigen, man solle sich auf das Schöne und die Freude im Leben konzentrieren, auf dass sie sich mehre? Wo sind die, die predigen, man solle dankbar sein, für das, was man hat? Ist das nur eine bestimmte Art der Freude, die man da empfinden darf, gibt’s da irgendwo eine Liste mit den Ereignissen, über die es „spirituell korrekt ist“, sich zu freuen?

Ich sage nicht, dass wir das Böse, die Schatten, die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt verdrängen sollen. Ich sage nicht, dass wir den Blick vom Leid anderer abwenden sollen, oder uns in Gleichgültigkeit üben sollen. Aber es muss doch erlaubt sein, Freude zu empfinden.

Karl Valentin hat mal gesagt: „Ich freu mich, wenn’s regnet, denn wenn ich mich nicht freu, regnet’s auch!“ In diesem Sinne…naja, war vielleicht doch nicht so kurz 😉

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3 Antworten zu Freude unerwünscht!

  1. corneliastessl schreibt:

    Hallo Stefan, du hast wirklich wieder einen super Artikel geschrieben.
    Freude ist so was Schönes, das sollten alle ausleben dürfen. Freude ist ansteckend und kann so viel bewirken. Natürlich gibt es leider noch immer Krieg, Hunger und Leid, aber würde das alles besser werden, wenn sich die Menschen zurückziehen, zuhause leidend sitzen und Trübsal blasen?
    Es heißt ja nicht, dass wir alle oberflächlich sind, weil wir uns freuen.

    Man sollte froh sein, dass es solche Veranstaltungen gibt, wo Menschen zusammenkommen, sich freuen und sich verbunden fühlen. Das ist alles Energie und trägt zum allgemeinen Wohl bei. Das sollten alle wissen, die wirklich spirituell unterwegs sind!!!

    Aber es wird wohl immer diese Debatten geben, ich bemerke das gar nicht. So wie manche Veganer über Veganer schimpfen, die zwar das Essen umgestellt haben, aber trotzdem Lederschuhe tragen oder Porsche fahren ;-). Für mich zählt jeder Beitrag für ein besseres Leben mehr, als Verurteilungen und Beschimpfungen, weil jemand etwas nicht so macht, wie sich es ein anderer vorstellt.

    Ich rege mich da gar nicht auf, kostet nur Energie – da freue ich mich viel lieber!

    Alles Liebe
    Conny

    • stefantrumpf schreibt:

      Liebe Conny,
      danke für Dein ausführliches Feedback. Du hast sicher Recht, wenn Du sagst, dass Aufregen nur Energie kostet, sich freuen Dir mehr bringt. Aber nicht umsonst heißt mein Blog ja „Spiritualität ist Punk!“ – da gehört ein Bisschen Randale einfach dazu 😉
      Alles Liebe
      Stefan

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